ÄLTERE GESCHICHTENEUERE GESCHICHTENEUERE GESCHICHTE 2GRUNDSTUDIUM



Klausur zum Einführungskurs 4103 „Deutscland zur Zeit des Kaiserreichs"
 
Niedergeschrieben in Krefeld, den 4. März 1998. Die Klausur wurde mit 4+ bewertet.

Der Kommentar:
Insgesamt eine ausreichende Leistung mit Tendenz nach oben. Die Anlage der Ouellenintepretation ist in Ordnung, doch fehlt die reine Quellenkritik weitgehend. Es werden einige Kenntnisse deutlich, doch gibt es auch Verzerrungen und allzu Pauschale Urteile. Die Kontexteinordnung ist zu allgemein angelegt, die konkreten Entwicklungen der Kriegszeit blinken bloß. Nur wenige Ansätze einer Deutung der Quelle sind zu verzeichnen.

(die roten Ergänzungen stellen die in der Korrekturspalte angebenen Berichtigungen dar)



 Aufgabenstellung:


Interpretieren Sie die Quelle Nr. 4 nach den Regeln der historischen Quellenkritik und –interpretation.

Die Quelle wird hier in kürze veröffentlicht :

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Bei der vorliegenden Quelle handelt es sich um einen Auszug aus der Rede des Reichtagsabgeordeneten Eduard David (SPD) und ist überliefert aus den stenographischen Berichten über die Verhandlungen des Reichstages Bd. 308, S. 2170.

Die Rede fand statt am 29.11.1916 und war Teil der Diskussion im Berliner Reichstag im Rahmen der ersten Lesung des Hilfsdienstgesetzes.

Meines Wissens war David einer der beiden SPD – Vorsitzenden und jüdischer Herkunft, da die SPD stets auf paritätische Besetzung ihres Vorsitzes – entgegen des bereits allgegenwärtigen Antisemitismus – bedacht war. (David war weder SPD – Vorsitzender noch jüdischer Herkunft)

Zunächst wendet sich David an die Herren vom Heere, also die 3. OHL namentlich an Ludendorff und Hindenburg, auf deren Druck und Initiative das Gesetz verabschiedet werden sollte. David vertritt hiermit die Änderungswünsche gegenüber der 3. OHL. Weiterhin richtet sich der Redebeitrag an die im Reichstag vertretenen Parteien und Abgeordneten. Zu guter letzt richtet sich das Statement über die Öffentlichkeit bzw. die Presse in abgestufter Form an die Weltöffentlichkeit.
 

Wie schon oben kurz erwähnt hatte die OHL bereits im September ´16 über den Reichskanzler Bethmann Hollweg gravierende Einschnitte zu Erhöhung der Kriegswichtigen Produktion – den sogenannten Hindenburg Plan – gefordert. Durch ständigen Druck Hindenburgs fand so bereits am 29.11.1916 die erste Lesung des Gesetzes statt, obwohl während der Kriegsjahre der Reichstag kaum mehr tagte. Um jedoch die militärische Notwendigkeit einer erhöhten Produktion tief im Volk verwurzeln zu müssen, wurde das Gesetz in nur knapp vier Monaten –  vom ersten Schreiben Hindenburgs bis zur Verabschiedung am 5.12.1916 – installiert.
 

Davids Rede beginnt mit einer politischen Bestandsaufnahme, indem er den Gegensatz von Soldaten / Arbeitnehmer und Unternehmer aus seiner Sicht darlegt.
Es wäre nicht zu ertragen, Arbeiter hilfsdienstpflichtig im vaterländischen Hilfsdienst zu machen und Sie zugleich zum Objekt der Ausbeutung eines privaten Unternehmers zu degenerieren. So leitet David seine Forderungen nach staatlicher Kontrolle geschäftlicher Art, um gründlich festzustellen, welche Gewinne gemacht werden. Davids Forderungen kulminieren in der Maximal Forderung nach Verstaatlichung der Rüstungsindustrie.

Wichtigster Teil der Rede ist der III Abschnitt, indem David die Leistungen und das Selbstbewußtsein der Betroffenen beschreibt. Die Arbeiterschaft hätte erkannt, welche Bedeutung sie für die Durchführung des Krieges hätte. Sie wäre sich der Verantwortung, daß die Erhaltung der Existenz des Staates auf ihren Schultern läge,  bewußt geworden. So resultiert für David die nächste Forderung nach staats-bürgerlicher Gleichberechtigung im Reich und Staat und Gemeinden.
Im IV. Abschnitt verdeutlicht David, daß er Widerstände seiner Forderung von den Privilegierten des Staates, der Interessen des Kapitals erwartet. Selbstbewußt ver-kündet er, daß die neue Zeit, die heranzihe von dem – wie er Sie nennt „beati possidents“ – nicht begriffen würde, sie aber von Ihnen begriffen werden müsse.
 

Die Wortwahl der Rede ist eine recht kämpferische und resultiert aus den historischen Gegebenheiten jener Zeit. Die Nähe der Sozialdemokratie zur marxistischen Ideologie, sowie deren ständige Unterdrückung im deutschen Kaiserreich erklären die heutzutage etwas unverständliche Wortwahl Davids. Begriffe wie: Gefühle des Arbeiters, die unter (oder unteren) Chargen, Objekt der Ausbeutung, Forderung nach Verstaatlichung und beati possidents, sind ein Merkmal der da-maligen grassen Gegensätze von Arbeit und Kapital, sowie ein Beispiel für den Gegensatz der gesellschaftlichen Struktur und der verordneten Unmündigkeit der Massen.
 
 

Konkreter Hintergrund der Quelle ist der zur Materialschlacht gewordene Verlauf des 1. Weltkriegs. Bei Ausbruch des Krieges im August 1914 hatte Wilhelm II aus-gerufen, er kenne keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche, und so die allgemeine Stimmung und Kriegsbereitschaft in einem Satz formuliert. Die Gewerkschaften hatten den sogenannten Burgfrieden – und so für die Dauer des Krieges auf Streiks verzichtet -. Die SPD seit 1912 stärkste Partei mit 35% der Stimmen im Reichstag vertreten, hatte den Kriegskrediten (mit ernsten inneren Streitigkeiten) zugestimmt und zu verstehen gegeben, daß die Stigmatisierung als „vaterlandslose Gesellen“ unhaltbar war. Allerdings verflog die anfängliche Euphorie nach dem Scheitern der militärischen Strategie sehr schnell. Das Scheitern des Schlieffen – Plans - , die schnelle Überwindung Frankreichs durch Einnahme des neutralen Belgiens – und das dadurch verursachte nicht geplante Eingreifen Englands hatten die Fronten zu einem Stellungskrieg werden lassen. Die Marne Schlacht und der gescheiterte Wettlauf zum Meer mit der Ypern Schlacht bedeuteten eine bisher nie gekannten Einsatz von Mensch und Material. Hinzu kamen durch extreme Versor-gungsnöte in der Heimat und durch Berichte von der Front große Zweifel an der Weiterführung des Krieges im Volk auf. Die wirtschaftliche Entwicklung führte in der Heimat zu einem stärkeren Zusammenwachsen der gesellschaftlichen Gruppen. Jürgen Kocka spricht von einer dichotomischen Gesellschaft, die es aufgrund der sich findenden Mehrheiten möglich macht, Veränderungen hervorzurufen. (unklar formuliert) Das militärische Ausharren auf einem Siegfrieden bedeuteten aber einen weiteren Produktionsschub in der Heimat. Selbst Hindenburg hatte im Verlauf der oben schon genannten Forderungen nach Erhöhung der Produktion, auf eine Entscheidung im Reichstag gedrängt. Die anfänglichen Drohungen mit einem Putsch hatte die 3. OHL eingestellt.
Die maximalen Forderungen Hindenburgs und Ludendorffs nach völliger diktatorischer Verpflichtung der Arbeiter ließ sich nicht durchsetzen. Die gesellschaftlichen Veränderungen im Verlauf des Krieges ermöglichte es dem Reichstag sich zu emanzipieren. Aus einem politisch Unwirksamen und verfassungsrechtlich unbedeutenden Parlament wurde zum ersten Mal ein bestimmendes Organ.

Viele der Forderungen Davids fanden in den am 5.12.16 verabschiedeten Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst einen Niederschlag. Ein zentrales Moment für die Gewerkschaften wurde die staatliche Anerkennung durch die im Gesetz verankerten paritätischen Räte, die es den Betroffenen ermöglichte, weitreichende Rechte wahrzunehmen. (genauer + ausführlicher)

Auch die von David geforderte staatsbürgerliche Gleichberechtigung im Reich, Staat und Gemeinden fand in der späteren Osterbotschaft des Kaisers einen Niederschlag , und zeigt nochmals die schon fortschreitende Demokratisierung.
Die Debatte im Reichstag brachte eine parteiübergreifende Mehrheit gegen die quasi Diktatur der OHL zustande. Für die gesellschaftliche Realität zeigte sich die Durchführung des Gesetzes wiederum auch die Schwächen des Reichstages und seiner Durchsetzungskraft. Die OHL reagierte in sofern, daß sie Bethmann Hollweg durch Michaelis ersetzen ließ – jedoch auch noch im Zusammenhang mit der Friedensresolution des Reichstages von 1917 -. Weiterhin unterlief die OHL die rechtlichen Möglichkeiten des Hilfsdienstgesetzes wo es nur ging. Außerdem gründete sich nicht zuletzt die Deutsche Vaterlands Partei, die schnell zur größten Partei Deutschlands wurde. Tirpiz und Bauer gründeten diese Partei um der Demokratisierung entgegentreten zu können.

Zwei weitere Felder wären die weitere Geschichte der SPD und USPD, sowie die wichtige Diskussion der Frauenfrage. In bezug auf das vaterländische Hilfsdienstgesetz ist die Diskussion in der Lesung des Reichstags über die Einbindung der Frauen ein weiterer wichtiger Aspekt, jedoch zu weit von der Quelle entfernt.
 

Die Verfassung von 1871 unter Bismarck und Preußen ist für das Kaiserreich maßgebend, und zeigt den größeren historischen Zusammenhang der Quelle an. Die Quelle selbst ist ein Bestandteil für das allmähliche Ende der „Bsmackschen Verfassung“.
In der Verfassung war festgeschrieben, daß der Kaiser die Vorherrschaft über das Militär hat. Der Reichskanzler unterstand nur dem König und war zudem Ministerpräsident von Preußen. Preußen wiederum dominierte den Bundesrat, welcher zumeist auf dem Dreiklassenwahlrecht beruhte und ein zweites wichtiges Organ der Verfassung darstellte.(der Bundesrat wurde nicht gewählt!)  Der im allgemeinen Wahlrecht nur von Männern gewählte Reichstag hingegen war ein Parlament ohne direkten Einfluß. Diese Verfassung ermöglichte eine dauerhafte Aufrechterhaltung der monarchistischen Struktur. So bestimmten im deutschen Reich nach wie vor die alten Macheliten das politische Geschehen, obwohl die inneren Veränderungen der industriellen Revolution, des Bevölkerungswachstums, die Urbanisierung, die Herausbildung der Klassengesellschaft, auch politische Konsequenzen forderten.
 

Ernst Bloch beschrieb diesen Teil der Geschichte als die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit. Hans – Ulrich Wehler spricht von der Janusköpfigkeit des deutschen Kaiserreichs.

Es dauerte von 1848 – 1918 bis die politischen Strukturen den gesellschaftlichen Veränderungen genüge taten.

Die vorliegende Quelle beziehungsweise die kurzfristige Einigung weiterer gesellschaftlicher Gruppen auf die Kernaussagen des von David geforderten, daß mit der Verabschiedung des Gesetzes deutlich wird, führte u.a. zu der Revolution von 1918.
 

Die jedoch in Deutschland im langen 19. Jahrhundert (1789 – 1918) praktizierte Politik der Unterdrückung einerseits, und staatliche soziale Intervention andererseits, haben die Gesellschaft zu stark formartiert. Die starken Strömungen des seit der ersten großen Wirtschaftskrise von 1873 , der gravierende Antisemitismus, der Sozialdarwinismus, der Nationalismus, der charismatische Führungsstil Bismarcks, der extreme Militarismus, sprengte letztendlich die demokratischen Ansätze -– im Verlauf der Geschichte bis 1945 – für die die vorliegende Quelle ein Beispiel ist.
 
 


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