LITERATURWISSENSCHAFT


Am 09. September 2002 habe ich die Klausur zu dem Kurs 4400 "Mut zur Literatur" bestanden.

Eine Version der Klausur im PDF Format steht unter Download zur Ansicht bereit..


Mit Ende des Sommersemesters 2003 habe ich das Studium aufgegeben.

In Geschichte wurde das Grundstudium mit der Zwischenprüfung abgeschlossen; Im 2. Hauptfach Literaturwissenschaft schrieb ich die erste Klausur zum Kurs "Mut zur Literatur".


 

Inhalt:

1. Der Arbeitstext
2. Die Klausur
3. Der Kommentar
4. Die Aufgabenstellung

1. Der Arbeitstext
Franz Kafka "Das Schloß"
Ankunft

Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem
Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und
Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste
Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K.
auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf
führt, und blickte in die scheinbare Leere empor.
Dann gieng er, ein Nachtlager suchen; im Wirtshaus
war man noch wach, der Wirt hatte zwar kein Zimmer
zu vermieten, aber er wollte, von dem späten Gast äu-
ßerst überrascht und verwirrt, K. in der Wirtsstube auf
einem Strohsack schlafen lassen. K. war damit einver-
standen. Einige Bauern waren noch beim Bier, aber er
wollte sich mit niemandem unterhalten, holte selbst den
Strohsack vom Dachboden und legte sich in der Nähe
des Ofens hin. Warm war es, die Bauern waren still, ein
wenig prüfte er sie noch mit den müden Augen, dann
schlief er ein.
Aber kurze Zeit darauf wurde er schon geweckt. Ein
junger Mann, städtisch angezogen, mit schauspielerhaf-
tem Gesicht, die Augen schmal, die Augenbrauen stark,
stand mit dem Wirt neben ihm. Die Bauern waren auch
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noch da, einige hatten ihre Sessel herumgedreht, um bes-
ser zu sehen und zu hören. Der junge Mann entschuldigte
sich sehr höflich, K. geweckt zu haben, stellte sich als
Sohn des Schloßkastellans vor und sagte dann: "Dieses
Dorf ist Besitz des Schlosses, wer hier wohnt oder über-
nachtet, wohnt oder übernachtet gewissermaßen im
Schloß. Niemand darf das ohne gräfliche Erlaubnis. Sie
aber haben eine solche Erlaubnis nicht oder haben sie
wenigstens nicht vorgezeigt."
K. hatte sich halb aufgerichtet, hatte die Haare zu-
rechtgestrichen, blickte die Leute von unten her an und
sagte: "In welches Dorf habe ich mich verirrt? Ist denn
hier ein Schloß?"
"Allerdings", sagte der junge Mann langsam, während
hier und dort einer den Kopf über K. schüttelte, "das
Schloß des Herrn Grafen Westwest."
"Und man muß die Erlaubnis zum Übernachten ha-
ben?" fragte K., als wolle er sich davon überzeugen, ob er
die früheren Mitteilungen nicht vielleicht geträumt hätte.
"Die Erlaubnis muß man haben", war die Antwort
und es lag darin ein großer Spott für K., als der junge
Mann mit ausgestrecktem Arm den Wirt und die Gäste
fragte: "Oder muß man etwa die Erlaubnis nicht
haben?"
"Dann werde ich mir also die Erlaubnis holen müs-
sen", sagte K. gähnend und schob die Decke von sich,
als wolle er aufstehen.
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"Ja von wem denn?" fragte der junge Mann.
"Vom Herrn Grafen", sagte K., "es wird nichts ande-
res übrigbleiben."
"Jetzt um Mitternacht die Erlaubnis vom Herrn Gra-
fen holen?" rief der junge Mann und trat einen Schritt
zurück.
"Ist das nicht möglich?" fragte K. gleichmütig.
"Warum haben Sie mich also geweckt?"
Nun geriet aber der junge Mann außer sich. "Land-
streichermanieren!" rief er. "Ich verlange Respekt vor
der gräflichen Behörde! Ich habe Sie deshalb geweckt,
um Ihnen mitzuteilen, daß Sie sofort das gräfliche Ge-
biet verlassen müssen."
"Genug der Komödie", sagte K. auffallend leise, legte
sich nieder und zog die Decke über sich. "Sie gehen, jun-
ger Mann, ein wenig zu weit, und ich werde morgen noch
auf Ihr Benehmen zurückkommen. Der Wirt und die
Herren dort sind Zeugen, soweit ich überhaupt Zeugen
brauche. Sonst aber lassen Sie es sich gesagt sein, daß ich
der Landvermesser bin, den der Graf hat kommen las-
sen. Meine Gehilfen mit den Apparaten kommen mor-
gen im Wagen nach. Ich wollte mir den Marsch durch
den Schnee nicht entgehen lassen, bin aber leider einige-
mal vom Weg abgeirrt und deshalb erst so spät ange-
kommen. Daß es jetzt zu spät war, im Schloß mich zu
melden, wußte ich schon aus eigenem, noch vor Ihrer
Belehrung. Deshalb habe ich mich auch mit diesem
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Nachtlager hier begnügt, das zu stören Sie die - gelinde
gesagt -Unhöflichkeit hatten. Damit sind meine Erklä-
rungen beendet. Gute Nacht, meine Herren." Und K.
drehte sich zum Ofen hin.
"Landvermesser?" hörte er noch hinter seinem Rück-
en zögernd fragen, dann war allgemeine Stille. Aber der
junge Mann faßte sich bald und sagte zum Wirt in einem
Ton, der genug gedämpft war, um als Rücksichtnahme
auf K.s Schlaf zu gelten, und laut genug, um ihm ver-
ständlich zu sein: "Ich werde telefonisch anfragen."
Wie, auch ein Telefon war in diesem Dorfwirtshaus?
Man war vorzüglich eingerichtet. Im einzelnen über-
raschte es K., im ganzen hatte er es reilich erwartet. Es
zeigte sich, daß das Telefon fast über seinem Kopf an-
gebracht war, in seiner Verschlafenheit hatte er es über-
sehen. Wenn nun der junge Mann telefonieren mußte,
dann konnte er beim bestenWillen K.s Schlaf nicht scho-
nen, es handelte sich nur darum, ob K. ihn telefonieren
lassen sollte, er beschloß, es zuzulassen. Dann hatte
es aber freilich auch keinen Sinn, den Schlafenden zu spielen,
und er kehrte deshalb in die Rückenlage zurück. Er sah
die Bauern scheu zusammenrücken und sich besprechen,
die Ankunft eines Landvermessers war nichts Geringes.
Die Tür der Küche hatte sich geöffnet, türfüllend stand
dort die mächtige Gestalt der Wirtin, auf den Fußspitzen
näherte sich ihr der Wirt, um ihr zu berichten. Und nun
begann das Telefongespräch. Der Kastellan schlief,

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aber ein Unterkastellan, einer der Unterkastellane, ein
Herr Fritz, war da. Der junge Mann, der sich als Schwar-
zer vorstellte, erzählte, wie er K. gefunden, einen Mann
in den Dreißigern, recht zerlumpt, auf einem Strohsack
ruhig schlafend, mit einem winzigen Rucksack als Kopf-
kissen, einen Knotenstock in Reichweite. Nun sei er ihm
natürlich verdächtig gewesen, und da der Wirt offenbar
seine Pflicht vernachlässigt hatte, sei es seine, Schwarzers,
Pflicht gewesen, der Sache auf den Grund zu gehen. Das
Gewecktwerden, das Verhör, die pflichtgemäße Andro-
hung der Verweisung aus der Grafschaft habe K. sehr
ungnädig aufgenommen, wie es sich schließlich
gezeigt habe, vielleicht mit Recht, denn er behaupte, ein
vom Herrn Grafen bestellter Landvermesser zu sein.
Natürlich sei es zumindest formale Pflicht, die Behaup-
tung nachzuprüfen, und Schwarzer bitte deshalb Herrn
Fritz, sich in der Zentralkanzlei zu erkundigen, ob ein
Landvermesser dieser Art wirklich erwartet werde, und
die Antwort gleich zu telefonieren.
Dann war es still, Fritz erkundigte sich drüben, und
hier wartete man auf die Antwort. K. blieb wie bisher,
drehte sich nicht einmal um, schien gar nicht neugierig,
sah vor sich hin. Die Erzählung Schwarzers in ihrer M-
ischung von Bosheit und Vorsicht gab ihm eine Vorstel-
lung von der gewissermaßen diplomatischen Bildung,
über die im Schloß selbst kleine Leute wie Schwarzer
leicht verfügten. Und auch an Fleiß ließen sie es dort

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nicht fehlen; die Zentralkanzlei hatte Nachtdienst. Und
gab offenbar sehr schnell Antwort, denn schon klingelte
Fritz. Dieser Bericht schien allerdings sehr kurz, denn
sofort warf Schwarzer wütend den Hörer hin. "Ich habe
es ja gesagt!" schrie er. "Keine Spur von Landvermesser,
ein gemeiner, lügnerischer Landstreicher, wahrscheinlich
aber Ärgeres." Einen Augenblick dachte K., alle,
Schwarzer, Bauern, Wirt und Wirtin, würden sich auf ihn
stürzen. Um wenigstens dem ersten Ansturm auszuwei-
chen, verkroch er sich ganz unter die Decke. Da
läutete das Telefon nochmals, und, wie es K. schien, besonders
stark. Er steckte langsam den Kopf wieder hervor. Obwohl
es unwahrscheinlich war, daß es wieder K. betraf, stockten
alle, und Schwarzer kehrte zum Ap-
parat zurück. Er hörte dort eine längere Erklärung ab
und sagte dann leise: "Ein Irrtum also? Das ist mir recht
unangenehm. Der Bürochef selbst hat telefoniert?
Sonderbar, sonderbar. Wie soll ich es dem
Herrn Landvermesser erklären?"
K. horchte auf. Das Schloß hatte ihn also zum Land-
vermesser ernannt. Das war einerseits ungünstig für ihn,
denn es zeigte, daß man im Schloß alles Nötige über ihn
wußte, die Kräfteverhältnisse abgewogen hatte und den
Kampf lächelnd aufnahm. Es war aber andererseits auch
günstig, denn es bewies, seiner Meinung nach, daß man
ihn unterschätzte und daß er mehr Freiheit haben würde,
als er hätte von vornherein hoffen dürfen. Und wenn

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man glaubte, durch diese geistig gewiß überlegene Aner-
kennung seiner Landvermesserschaft ihn dauernd in
Schrecken halten zu können, so täuschte man sich; es
überschauerte ihn leicht, das war aber alles.

Dieser Textauszug hat gegenüber dem in der Klausur vorliegenden einige kleine Unterschiede.


2. Die Klausur
Semesterabschlussklausur vom 09.09.2002

Erstes Klausurthema

Zur Kurseinheit 02: Grundbegriffe der Textanalyse

Analysieren Sie den beiliegenden Textauszug aus Franz Kafkas Roman "Das Schloß" hin-sichtlich der verwendeten erzähltechnischen Mittel (Erzählform, Erzählverhalten, Perspektive, Temporalstruktur, Point of view usw.).

Der vorliegende Textauszug - der Anfang des Romans "Das Schloß" von Franz Kafka aus dem Jahr 1926 - beschreibt folgenden Handlungsablauf:
Spät abends kommt der Landvermesser K. bei Nebel und Dunkelheit in einem Dorf an. In der Gaststätte, wo er ein unfreundliches Nachtquartier findet, werden Zweifel an seiner Identität und somit wird seine Aufenthaltsberechtigung angezweifelt.
Ein junger Beamter findet erst nach längeren Telefonaten mit seinen Vorgesetzten heraus, dass die Aussagen K.`s er sei, vom Grafen zum Landvermesser bestellt, der Wahrheit entsprechen. Durch diese ungewöhnliche Art der Befragung im Zusammenhang mit der feindlichen Atmosphäre in der Gaststätte beginnt bei K. eine erste leichte Ahnung, dass sein Auftrag der Landvermessung, mit seltsamen Begleitumständen gekoppelt ist.
Am Ende des Kapitels heißt es: " ... es überschauerte ihn leicht, das war aber alles."

Um die verwendeten erzähltechnischen Mittel herauszuarbeiten, habe ich den Text in folgende Kapitel gegliedert:

I. Einleitung: Die Umgebung S. 7 Z 1 - 8
II. Das Nachtquartier S. 7 Z 9 - 19
III. Die Zweifel an der Identität S. 7 Z 20 - S. 10 Z 4
IV. Die Klärung der Identität S. 10 Z 5 - S. 12 Z 19
V. Die Ernennung S. 12 Z 20 - Z 31.

Um den Handlungsablauf besser zu verdeutlichen, habe ich die einzelnen Kapitel mit einer Überschrift versehen.


Franz Kafka schreibt diesen Text in der Erzählform der Er - Erzählform. In diesem Fall schreibt ein nicht personalisierter Erzähler die Erlebnisse des K. .
Dieser fiktionale Er - Erzähler wird von Kafka als erzähltechnisches Mittel eingesetzt, er dient als Reflexionsfigur und darf auf keinen Fall mit dem Autor selbst verwechselt werden. Die Er - Erzählform ermöglicht es im besonderen Maße, einen ausgeprägten Figurenstil zu etablieren.
Beschreibt der Erzähler zunächst die natürlichen und räumlichen Gegebenheiten des Dorfes und der Gaststätte, so beginnt mit dem Auftreten des jungen Mannes ab Zeile 20 auf Seite 7 eine sich dynamisierende psychologische Schilderung der Figuren.

Durch das hauptsächlich neutrale Erzählverhalten des Narrators, wird das Geschehen verstärkt über die Figuren dargestellt. Der erwähnte Figurenstil, unterstützt die psychologische Dynamik des Textes.

Die erdzählerischen Darbietungsweisen unterstreichen den neutralen des Er - Erzählers. In Abschnitt I und II liegt eine sachliche Schilderung ein Bericht der Umstände vor.
Abschnitt III wird bestimmt durch die direkte Rede.
Abschnitt IV wird bestimmt durch die indirekte Rede.
Der letzte Abschnitt wiederum ist ein Bericht des Erzählers über die Befindlichkeiten des K. .
Diese Merkmale: direkte Rede, indirekte Rede, Bericht, zeugen von Darstellungsweisen der Neutralität. Der Erzähler gibt weder einen Kommentar oder ein Urteil ab, sondern er schildert das Geschehen wie ein Außenstehender.
Eine Ausnahme liegt in Zeile 11 auf Seite 10 vor. Der mit Fragezeichen endende Satz: " Wie, auch ein Telephon war in diesem Dorfwirtshaus ?"; entlarvt sich im weiteren Kontext als erlebte Rede. Durch den Zusatz in Zeile 12 und 13 wird deutlich, dass hier die Figur ihre Gedanken preisgibt. Die erlebte Rede ist ein Stilmittel der modernen Literatur und ermöglicht durch ihren personalen Charakter, einen inneren Zustand der Figur darzustellen.
Stream of Consciousness, der Bewusstseinsstrom der Figur, die unmittelbaren Gedanken werden dem Leser mitgeteilt.
Zusammengefasst heißt das: die erzähltechnischen Darbietungsweisen sind größtenteils neutral mit personalen Einschüben.

Ein weiterer wichtiger Parameter der erzähltechnischen Mittel ist die Erzählperspektive. In diesem Fall liegt die so genannte Innensicht vor. Der Erzähler teilt in den Beifügungen der Inquit - Formen die Gefühle der Figuren mit.
z.B.: S. 8 Z 14 "Sagte der junge Mann langsam";
S. 9 Z 14 "sagte K. auffallend leise"
S. 9 Z 5 "rief der junge Mann und trat einen Schritt zurück".
Auch die vielen Darstellungen der Innenwelten der Figuren S. 10 Zeile 15 " in seiner Verschlafenheit hatte er..."; oder auch der gesamte letzte Abschnitt V S. 12 Zeile 20 - 31 ; bezeugen, dass der Erzähler über Innensicht verfügt.

Die räumliche Perspektive, der Point of view ist eine begrenzte Sichtweise. Von Beginn an hat der Erzähler die direkte Nähe zur Hauptfigur.
Die Kamera - um das Bild aus er Filmherstellung zu benutzen - folgt dem Protagonisten. Angefangen in der unwirklichen Landschaft bis hinein in die Wirtsstube.
Der Erzähler weiß und sieht nur soviel, wie der Hauptdarsteller k. selbst. Die schon - in einem anderen Zusammenhang genannte Szene - mit dem Telephon mag dafür als Beispiel dienen. So sehr K. überrascht ist, dass es in diesem Raum einen Fernsprecher gibt, so wenig weiß auch der Er - Erzähler davon. ( siehe Seite 10 Zeile 11 - 13 )
Diese Textstelle mag auch noch mal den neutralen Charakter der Er - Erzählform belegen.

Die Darlegung der Erzählhaltung gestaltet sich etwas schwierig. Die Konturrosigkeit des Erzählers, seine Neutralität ist dermaßen ausgeprägt, dass eine Bestimmung der Erzählhaltung nicht vorzunehmen ist. Die verschwommene und mystische - die kafkaeske - Romanwelt bezieht ihren Reiz aus den unabwendbaren Handlungen, in die der Held "hineinfällt", so dass auch die Stellung des Erzählers in diesem Zusammenhang zu sehen ist. Das unglaublich Imaginäre bei Kafka lässt auch den Er - Erzähler ins Unbeschreibliche verschwinden, und erfüllt somit wieder die ihm zugedachte Funktion in Hinsicht auf die erzähltechnischen Mittel, die wiederum die Träger des Romanganzen - Inhalt, Stoff, Fabel usw., sind.

Die Temporalstruktur ist zunächst einmal im Präteritum gehalten. Der erste Satz lautet: "Es war spät abend als K. ankam." Unterbrochen bzw. Tempuswechsel zeigen sich bei den Übergängen zur direkten Rede, da die direkte Rede im Präsenz steht.

Hinsichtlich des erzähltechnischen Mittels der Zeit, lässt sich festhalten, dass der vorliegende Textauszug nahezu zeitgleich gestaltet ist. Das Verhältnis zur erzählten und erlebten Zeit deckt sich. Dieses Stilmittel ermöglicht es einmal mehr, das unwirkliche Erleben in Kafkas Text eine gegenwärtige Komponente entgegenzusetzen.

Fazit
Leider ist mir der Gesamttext des Romans "Das Schloß" nicht gegenwärtig, sodass eine kurze Übertragung des von mir Dargestellten auf den Gesamtzusammenhang nicht nachweisbar ist.
Jedoch zeigt der Text, daß es sich hier um einen Romanhelden handelt, der langsam immer tiefer in einen Strudel von surrealistischen Mächten gerät. Die besondere Begabung Kafkas, die erzähltechnischen Mittel der Prosa genial zu nutzen, zeigt der vorliegende Text nur in Ansätzen. Es handelt sich hier um einen Romananfang, sodass Kafka zu beginn des Romans die Stilmittel noch zaghaft bedient, um sie kontinuierlich zu steigern.
So ändert Kafka in einem seiner Romane in Laufe der Geschichte die Erzählform. Er wechselt von einer Ich - Erzählform in eine Er - Erzählform, und bedient sich so der Möglichkeiten über die erzähltechnischen Mittel seine "kafkaeske" Romanwelt zu konstruierten.

Krefeld, den 9.9.2002

P.S.: Da auf Seite 7 Zeile / das Wort gieng anscheint ein Druckfehler ist, bin ich auf den Tempuswechsel in Zeile 8 auf Seite 7 "führt" nicht eingegangen.


3. Der Kommentar

In Ihrer Bearbeitung des Klausurthemas stellen Sie alle erfragten Angaben zum Erzählverfahren zusammen. Sie behandeln geschickt die unklaren Aspekte ausführlich, benennen sogar ausdrücklich das Erzählverhalten als den kniffligen Punkt und haken die evidenten Merkmale kurz ab. Die Arbeit ist strukturiert. Begründungen könnten insbesondere bei schwierigen Problemen sich stärker auf konkrete Textstellen stützen.
Sie wählen zwar für die Erzählhaltung die Bezeichnung "neutral" für einen Großteil des Textauszugs, doch lösen Sie sich sinnvoll etwas von der Begrifflichkeit (Sie sprechen auch von "Darbietungsweise" in anderer Weise als der Studienbrief ) , in dem Sie - nach explizitem Hinweis auf das Problematische (S. 6) - den eigentümlichen Kontrast zwischen durchgängig personaler Fokussierung auf K. und einer Enthaltsamkeit des Erzählers bzw. K.s hinsichtlich einer Kommentierung oder Bewertung der Ereignisse betrachten. Sie bestehen jedoch richtig auf eine Neutralität der Darstellung in weiten Teilen. Ohne eine sehr gelungene Formulierung zu finden, erwähnen Sie sehr richtig in Ihrem Schlußsatz, daß das Spezifische von Kafkas Technik in einer Transposition einer personalen Sicht, für die man die Ich-Form erwarten würde, in die ErForm.
Es ist allerdings bei allem Lob für die unabhängige Einschätzung der Erzähltechnik unzulässig, die Terminologie ohne explizite Rechtfertigung abzuwandeln, weil dies als fehlerhaftes Verständnis des Studienbriefes ausgelegt werden müßte.
Ihre Feststellungen zur Temporalstruktur und zum point of view sind korrekt und treffen den Punkt. Ihre Bemerkungen zur Innensicht sind leider völlig falsch und stellen sich zudem gegen Ihre sonstigen Ausführungen. Diese Inkonsistenz schmälert die Qualität Ihrer Arbeit. Gerade auch über die Gefühle der anderen Figuren erfährt der Leser nur über die Interpretation durch K. Zwar hat der Leser ein Wissen um die Gefühle K.s, aber die Gefühle der anderen werden nur vermittelt dargestellt.
Der Anfang der Klausur ist recht holprig und enthält recht viele unklare Bemerkungen. Ferner ist problematisch, daß Sie auf Anführungszeichen verzichten - saubere Textarbeit ist eine Voraussetzung für gutes literaturwissenschaftliches Arbeiten.
Wäre die Arbeit benotet, so erhielte die in einigen Abschnitten beachtliche Klausur die Note
"noch gut" (2,3).

4. Die Aufgabenstellung


Fernuniversität Fachbereich Erziehungs-, Sozial
Gesamthochschule in Hagen und Geisteswissenschaften
Der Vorsitzende
des Prüfungsausschusses
Klausurthemen - Semesterabschluß
Semesterabschlußklausur vom 09.09.2002
urs-Nr.: 4400 Titel: Mut zur Literatur
Wichtiger Hinweis! Wählen Sie bitte nur eines der beiden nachstehend angegebenen Klausurthemen aus. Schreiben Sie Ihre Klausur bitte nur über das von Ihnen ausgewählte Klausurthema.

Erstes Klausurthema
Zur Kurseinheit 02: Grundbegriffe der Textanalyse
Analysieren Sie den beiliegenden Textauszug aus Franz Kafkas Roman "Das Schloß" hinsichtlich der verwendeten erzähltechnischen Mittel (Erzählform, Erzählverhalten, Perspektive, Temporalstruktur, Point of view usw.).
(Siehe Anlage 1)

oder -

Zweites Klausurthema
Zur Kurseinheit 03: Leseübungen
Sie finden in der Anlage 2 eine Fabel Lessings mit seiner antiken Vorlage, und eine Kalendergeschichte Hebels einerseits und eine Anekdote Kleists andererseits, die beide dieselbe Zeitungsnotiz bearbeitet haben. Es kommt jedesmal darauf an, die Bearbeitung mit der Quelle und die beiden Bearbeitungen miteinander zu vergleichen und die jeweiligen Gestaltungsweisen zu charakterisieren.
(Siehe Anlage 2)


Anlage 2:

Äsop

DIE FLEDERMAUS UND DIE WIESEL
Die Fledermaus fiel auf die Erde und wurde von einem Wiesel gefaßt; den Tod vor Augen, bat sie um ihr Leben. Doch das Wiesel sagte, es könne sie nicht freilassen; denn seiner Natur nach widerstrebe es allen Vögeln. Als aber die Fledermaus einwandte, sie sei gar kein Vogel, sondern eine Maus, erhielt sie dadurch die Freiheit. Wie sie nun später wieder einmal zu Fall kam und von einem anderen Wiesel ergriffen wurde, flehte sie, es möchte sie doch nicht um
bringen. Auf die Entgegnung des Wiesels, daß es allen Mäusen feind sei, erwiderte die Fledermaus, sie sei ja gar keine Maus, sondern ein Flugtier, und kam so aufs neue frei. Derart geschah es, daß sie, indem sie zweimal ihren Namen wechselte, am Leben blieb.
Doch auch wir dürfen nicht immer auf demselben beharren, sondern sollten bedenken, daß die, welche sich den Verhältnissen anzupassen wissen, häufig auch schweren Gefahren zu entgehen vermögen. (182)

Lessing
23. Die Maus
Eine philosophische Maus pries die gütige Natur, daß sie die Mäuse zu einem so vorzüglichen Gegenstande ihrer Erhaltung gemacht habe. Denn eine Hälfte von uns, sprach sie, erhielt von ihr Flügel, daß, wenn wir hier unten auch alle von den Katzen ausgerottet würden, sie doch mit leichter Mühe aus den Fledermäusen unser ausgerottetes Geschlecht wiederherstellen könnte.
Die gute Maus wußte nicht, daß es auch geflügelte Katzen gibt. Und so beruhet unser Stolz meistens auf unsrer Unwissenheit!

Zeitungnotiz o
"Vor geraumer Zeit kam jemand unaufgefordert zu einem französischen Kommandanten in den preußischen Staaten, und wollte
ihm verraten, wo man eine Quantität Bauholz verborgen habe. Der brave Kommandant wies ihn ab, und sagte: >Lassen Sie Ihrem guten Könige dieses Holz, damit er einst Galgen bauen könne, um solche niederträchtige Verräter, wie Sie sind, daran aufzuhängen.<"

Kleist
FRANZOSEN-BILLIGKEIT
(wert in Erz gegraben zu werden)
Zu dem französischen General Hulin kam, während des Kriegs, ein.. . Bürger, und gab, behufs einer kriegsrechtlichen Beschlagnehmung, zu des Feindes Besten, eine Anzahl, im Pontonhof liegender, Stämme an. Der General, der sich eben anzog, sagte: Nein, mein Freund; diese Stämme können wir nicht nehmen. - "Warum nicht?" fragte der Bürger. "Es ist königliches Eigentum. - Eben darum, sprach der General, indem er ihn flüchtig ansah. Der König von Preußen braucht dergleichen Stämme, um solche Schurken daran hängen zu lassen, wie er. -

Hebel /
Schlechter Lohn
Als im letzten preußischen Krieg der Franzos nach Berlin kam, in die Residenzstadt des Königs von Preußen, da wurde unter anderm viel königliches Eigentum wegge
5 nommen, und fortgeführt oder verkauft. Denn der Krieg bringt nichts, er holt. Was noch so gut verborgen war, wurde entdeckt und manches davon zur Beute gemacht, doch nicht alles. Ein großer Vorrat von königlichem Bauholz blieb lange unverraten und unversehrt. Doch
10 kam zuletzt noch ein Spitzbube von des Königs eigenen Untertanen, dachte, da ist ein gutes Trinkgeld zu verdienen, und zeigte dem französischen Kommandanten mit schmunzlicher Miene und spitzbübischen Augen an, was für ein schönes Quantum von eichenen und tannenen
15 Baustammen noch da und da beisammenliege, woraus manch tausend Gulden zu lösen wäre. Aber der brave Kommandant gab schlechten Dank für die Verräterei,
und sagte: -Laßt Ihr die schönen Baustämme nur liegen, wo sie sind. Man muß dem Feind nicht sein Notwendig
20 stes nehmen. Denn wenn Euer König wieder ins Land kommt, so braucht er Holz zu neuen Galgen für so ehrliche Untertanen, wie Ihr einer seid."
Das muß der rheinländische Hausfreund loben, und wollte gern aus seinem eigenen Wald ein paar Stämmlein 15 auch hergeben, wenn's fehlen sollte.

 

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